Das Kommunikationsforum (KoFo) Augsburg nimmt Abschied nach 18 abwechslungsreichen Jahren.
Kerstin Mackevicius verlässt nach 18jähriger Tätigkeit zum Ende 2010 mit ihrer langjährigen Mitarbeiterin Michi Herdegen das KoFo, um sich neuen Aufgaben als freiberufliche Gebärdensprachlehrerin zu widmen. Sie wird ca. ab März 2011 eine eigene mobilen Gebärdensprachschule in Augsburg und ganz Schwaben betreiben. Am Ende verflog die Zeit nun doch ganz schön schnell und sie geht mit einem lachenden und einem weinenden Augen. Das gilt auch für die Mitarbeiterinnen.
Das KoFo gab schon seit August 2009 bekannt, dass Nachfolger gesucht werden und hatte angeboten, dem neuen Team bis Ende August 2010 bei der Antragsstellung von Zuschüssen behilflich sein zu können. Auch wurde angeboten, der KoFo-Leiterin über die Schulter zu schauen, wie man politische Bildungsarbeit nach dem Sinn des Taubismus führen kann. Als die Frist aber abgelaufen war und keiner sich bereit erklärte die Nachfolge anzutreten, beschloss das KoFo-Team, die Türen endgültig zu schließen.
Anfang Oktober 2010 überlegte sich eine Gruppe, bestehend aus drei Schwerhörigen und einer Gehörlosen unser KoFo doch übernehmen zu wollen. Um vorzubeugen die Gerüchteküche brodeln zu lassen, werden hier die aktuellen Infos bekannt gegeben, warum das derzeitige KoFo-Team anders entschied und das KoFo trotzdem die Pforten schliesst. Die Voraussetzungen unserer Bildungsarbeit, Förderung des Identifikationsprozesses und Einhaltung der Leitgedanken sowie die Leitkultur des Kommunikationsforums waren so nicht erfüllt, deshalb wurde vorgeschlagen doch ein ganz neues Projekt ins Leben zu rufen und das KoFo so wie es war einfach gut abschliessen zu lassen.
Hiermit hier ein kleiner Überblick, wie das KoFo erstmals ins Leben gerufen wurde, welche Ziele schon damals gesetzt wurden, um auf diesem Weg auch die getroffene Entscheidung des KoFo-Teams verstehen zu können und dies auch zu respektieren.
Nach Einführungen der ersten Gebärdensprachkurse in der Münchner Volkshochschule trafen sich Gertrud Mally und hörende TeilnehmerInnen ab und zu in Lokalen, um neueste Informationen mittels Gebärden austauschen zu können und das Thema über die Kultur und Sprache der tauben Menschen zu sensibilisieren. Nach und nach kamen auch andere Taube dazu und so fing es an, sich über Taubheit Gedanken zu machen, dies zu analysieren, was es denn bedeutet taub zu sein und wie die Identität gefördert werden kann. In dieser Zeit wurden viele Gehörlosenvereine von Schwerhörigen und Ertaubten geführt, da damals taube Menschen oft Minderwertigkeitsgefühle hatten und sich aufgrund der Unterdrückung der Gebärdensprache nicht entfalten konnten, sich solche Leitfunktionen also nicht zutrauten. Durch die Gründung des allerersten KoFo's im Jahr 1984 in München, wachten taube Menschen aus dem sogenannten "Dornröschenschlaf" auf und fingen an, an sich zu arbeiten und genauer zu reflektieren, welche Sprache sie denn anwenden und benutzen wollen. Außerdem hatte das Intstitut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Prof. Siegmund Prillwitz aus Hamburg im Jahr 1985 allen verkündet, dass unsere Gebärdensprache gleichwertig ist wie auch alle anderen Sprachen! Im Oktober 1994 gab es erstmals die Gelegenheit für alle leitenden Personen der Kommunikationsforen aus ganz Deutschland, erste Erfahrungen zur Arbeit im Forum in einem Workshop auszutauschen. Danach folgte das 1. Bundestreffen in Kassel und so entstanden in den weiteren Jahren in anderen Städten Foren, wo sich die Leiter über die Diskussionsregeln, Rhetorik und aktuelle politische Themen zur Taubheit, Identitätsfindung u.a. informieren konnten und dies miteinander diskutierten. So wurde auch gemeinsam beschlossen, dass es für die Identitätsfindung und die positive Entwicklung des Taubismuses enorm wichtig sei, wenn nach Möglichkeit ein taubes Team das KoFo leitet. Die Augsburger KoFo-Leiterin war bei allen Treffen und Workshops dabei und kennt sich mit den Bedingungen zur positiven Selbstbewusstseinentwicklung und Förderung der Identität tauber Menschen bestens aus.
Oft wird sich mit dem Thema Deafhood, Audismus und Taubismus zu wenig beschäftigt... Das KoFo hatte sich in der Vergangenheit jedoch schon mit diesen Themen befasst und stellte fest, dass Augsburger Gehörlose kaum an diesen Diskussionen an KoFo-Abenden teilgenommen hatten, meist waren die Interessenten von außerhalb wie zum Beispiel aus Ulm und München.
Da das KoFo-Augsburg das Vorhaben eines überwiegend schwerhörigen Teams nicht bremsen möchte, sondern befürwortet, dass es natürlich weiterhin Vorträge mit der Möglichkeit zur Diskussion gibt, es auch wichtig ist diesen Erfahrungsaustausch weiterhin durchzuführen, wurden neue Vorschläge gemacht, die jedoch nicht unter dem gleichen Namen laufen werden.
Nach dem Gespräch mit dem Vorstand des Gehörlosenvereins Augsburg und dem neuen Team unter Bernd Schneider, Stefan Koch, Petra Wegmann und Claudia Haas wird sehr wahrscheinlich ein neues Forum mit neuem Namen entstehen... entweder als Selbsthilfegruppe oder als eigenständige Abteilung im Gehörlosenverein. Die Ziel- und Aufgabenbeschreibungen werden neu festgelegt.
Das restliche Geld des KoFo´s kommt der Afrikahilfe gehörloser Kinder in Uganda zugute. Es wird in die Bildungsarbeit und den Aufbau der Berufsschule fliessen.
Das KoFo-Augsburg kann mit großem Stolz zurückblicken, was es für die Belange tauber Menschen geleistet hat und ein guter Ruf in ganz Deutschland spiegelt dies wieder.
Mehr darüber kann unter dieser KoFo-Homepage - Reiter "Chronik" - gelesen werden, die noch bis Ende 2011 freigeschalten sein wird. Außerdem gibt es noch genügend Festzeitungen zur KoFo-Benefizveranstaltung im Rahmen des 15jährigen Bestehens im Jahr 2007, die bei Kerstin Mackevicius kostenlos gegen Versandgebühr angefordert werden können.
Das KoFo-Team Kerstin Mackevicius und Michi Herdegen möchte sich für die Teilnahme an den vergangenen Veranstaltungen bedanken, und hoffen, dass sich alle noch lange an diese vielen Aktionen erinnern können...
Einen letzten Appell möchte die KoFo-Leiterin Kerstin Mackevicius noch an alle weitergeben...
Seid stolz darauf, dass Ihr taub seid! Ihr könnt eure Ziele genauso gut wie alle anderen erreichen! Unsere Taubheit ist kein Hindernis, sondern eine Bereicherung und ein Zeichen von Vielfalt in unserer Gesellschaft. Wir haben eine traumhaft schöne Sprache, nämlich die Gebärdensprache!
Adieu und allen auf diesem Weg ein herzliches Dankeschön und alles Gute!
Verfasserin: Kerstin Mackevicius, 26.11.2010